„Der Job macht noch mehr Spaß als erhofft“

Andreas Mohr ist seit dem 15. Januar Vorstand Finanzen und Administration und Sprecher des Vorstands bei der MT Melsungen. Im Interview spricht der 49-Jährige über sein Ankommen in der Region, bei der MT und in der Handballwelt an sich.

In der Politik ist es üblich, neuen Amtsträgern 100 Tage zu gewähren, damit sie sich einleben und einarbeiten können. Eine politische Funktion übt Andreas Mohr zwar nicht aus. Doch nach etwas mehr als 100 Tagen bei der MT Melsungen gibt es genügend Gründe, dem neuen Vorstandssprecher auf den Zahn zu fühlen.

Im Gespräch äußert sich Andreas Mohr über …

Nordhessen:
„Ich stamme aus der Pfalz, habe jahrelang in Südhessen gearbeitet – sagen wir es so: Den Nordhessen ist ein gewisser Ruf vorausgeeilt, dass sie etwas anders seien, einsilbig, etwas motzig. Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Die Menschen hier in der Region tragen ihr Herz auf der Zunge und sind in manchen Dingen vielleicht etwas kritischer als andere.
Ich fühle mich in Nordhessen jedenfalls pudelwohl. Landschaftlich finde ich die Region extrem reizvoll. Ich mag das Ländliche, deswegen habe ich mir auch eine Wohnung in Körle gesucht. Ich gehe dort nach oder auch schon vor der Arbeit oft im Wald spazieren. Und natürlich habe ich in den ersten Wochen die Ahle Wurst kennengelernt – die habe ich mehrfach geschenkt bekommen. Sehr lecker.“

seinen Start bei der MT: „Hinter dem Klub und allen Mitarbeitenden lagen turbulente Monate. Trotzdem habe ich eine unglaublich positive Atmosphäre wahrgenommen. Der erfreuliche Saisonverlauf der Mannschaft spielt da sicherlich eine Rolle. Aber auch unabhängig davon herrscht ein wirklich guter Spirit. Der Blick ist nach vorn gerichtet. Ob Geschäftsstelle, Mannschaft, Aufsichtsrat, meine Vorstandskollegen, Sponsoren – ich hatte zu Beginn tolle Gespräche und bin mit offen Armen aufgenommen worden.“

Dinge, die ihn beeindruckt haben: „Ich bin von der Stimmung bei unseren Heimspielen extrem angetan. Eine unglaubliche Atmosphäre. Und weil ich mir inzwischen ein Bild aus anderen Hallen machen durfte, kann ich sagen: In unserem VIP-Raum wird den Sponsoren und Partnern wirklich einiges geboten. In dieser Hinsicht sind wir absolut erstklassig. Hinzu kommen sportliche Highlights. Das Final4 in Köln, der Sieg zu Hause zuletzt gegen die Füchse Berlin – diese Erlebnisse haben mich sehr beeindruckt.“

negative Momente: „Natürlich gibt es zahlreiche Themen, die angegangen werden müssen. Dafür bin ich hier. An negative Erlebnisse kann ich mich nicht erinnern. Im Gegenteil. Der Job macht noch mehr Spaß als erhofft. Ich habe meine Entscheidung keine Sekunde bereut. Zumal positive Eindrücke eindeutig überwiegen. Zum Beispiel war mir nie bewusst, wie bedeutend die Rolle der MT hier ist. Die Rolle als Bundesligist aus der Region. Daraus resultiert wiederum viel Verantwortung für unsere Arbeit.“ 

Aufgaben: „Eine entscheidende Aufgabe sehe ich darin, uns finanziell neu auszurichten, speziell was den Spieler-Etat anbelangt. Wir wollen weg von dem Image, dass Profis nur zur MT kommen, weil sie hier überdurchschnittlich entlohnt werden. Unser klares Ziel ist es, die Qualität in der Bundesligamannschaft mindestens zu halten, jedoch bei einem perspektivisch deutlich geringeren Spieler-Etat. Dafür gibt es eine Basis, und die besteht aus Scouting im Profibereich, Nachwuchsarbeit, regionaler Verwurzelung und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. Diese Säulen unserer neuen Struktur sollen in Zukunft noch stärker in den Fokus rücken.“

Punkte, die verbessert werden müssen: „In Sachen Trainingsbedingungen und Hallenzeiten haben wir erheblichen Nachholbedarf. Außerdem wollen wir in Zukunft eine stärkere Präsenz in Melsungen. Und wir müssen uns im Nachwuchsbereich verbessern – bitte nicht falsch verstehen: Die für die Jugend zuständigen Kolleginnen und Kollegen leisten hervorragende Arbeit. Es geht vielmehr auch hier um die Infrastruktur. Denn der Konkurrenzkampf unter den verschiedenen Nachwuchszentren in Deutschland ist wesentlich stärker geworden. Und nicht zuletzt müssen wir versuchen, das Erlebnis Heimspiel noch attraktiver zu machen.“

die Handballwelt: „Ich komme ja eher aus dem Bereich Fußball. Für mich zählt Handball zu den härtesten Sportarten, zugleich ist sie geprägt von Fairness, Fairplay und respektvollem Umgang. Und ich denke immer wieder an den Begriff nahbar. Speziell nach unseren Heimspielen dürfen zahlreiche Kinder auf die Platte, um Autogramme zu holen und Selfies zu machen. Diesen Kontakt zur Basis finde ich phänomenal. Richtig geil!“

seine Herangehensweise: „Der sportliche Erfolg wird immer ein wesentlicher Baustein unseres Agierens sein. Gleichwohl dürfen wir uns von möglichen Negativserien nicht zurückwerfen lassen. Ich bin kein Freund davon, alles zu verteufeln, wenn es mal nicht so gut läuft. Die Wahrnehmung der MT darf nicht nur vom reinen Ergebnis abhängen. Die MT befindet sich in einem Umstrukturierungsprozess. Das, was wir aufbauen und entwickeln, soll nachhaltig wirken. Unsere Arbeit sollten wir nicht von Kommentaren in den Sozialen Medien abhängig machen. Gleiches gilt übrigens für positive Serien wie zu Saisonbeginn. Da fing der eine oder andere ja auch schon an, von Meisterschaft und Champions League zu träumen.“

sein Gefühl nach 100 Tagen: „Wir haben einen guten Weg eingeschlagen. Nach unruhigen Zeiten und viel Kritik haben wir wieder eine bessere Kommunikationsebene insbesondere mit unseren Fans gefunden. Das wollen wir dauerhaft fortsetzen und verbessern. Ich möchte mich vor allem bei den Mitarbeitenden bedanken, die mir einen reibungslosen Einstieg bei der MT ermöglicht haben. Ansonsten habe ich das Gefühl, dass es noch viel zu tun gibt. Ich mache mir extrem viele Gedanken zur und über die MT. Das ist aber durchweg positiv zu verstehen. Ich kann nachts jedenfalls gut schlafen.“

Zur Person
Andreas Mohr (49) stammt aus Ludwigshafen. Nach dem Abitur hat er in Mannheim BWL studiert. Später machte er zudem sein Steuerberater-Examen. Er arbeitete unter anderem als Wirtschaftsprüfer bei PwC, er war fast 20 Jahre Geschäftsführer in der Personaldienstleistungsbranche und übernahm parallel ab 2020 die kaufmännische Leitung bei Fußball-Regionalligist Kickers Offenbach für zweieinhalb Jahre. Seit dem 15. Januar 2024 ist er Vorstand bei der MT Melsungen und dort für Finanzen und Administration zuständig. Mohr ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Seine Familie lebt in Erlensee im Main-Kinzig-Kreis. In seiner Freizeit kocht er leidenschaftlich gern. (Robin Lipke)